Mutmach-Geschichte

„Ein Stuhl ist kein Stuhl“

von Vera Vorneweg

Die Zutaten:

Ein Stipendium, eine Botschafterin und eine ungewöhnliche Idee.

Vorwort der Herausgeber zur Geschichte

Dieses ungewöhnliche Projekt im Rheinischen lässt unser Autorenherz gleich höher schlagen. Was muss getan werden, damit Literatur direkt und niederschwellig bei den Menschen ankommt? Hier ist eine kreative Variante ins Leben gerufen, die ganz nach unserem Geschmack ist.

Wir danken Vera Vorneweg für Ihren Beitrag.

Nicht die richtige Zeit

Ich bin Schriftstellerin und lebe mit meiner Familie in Düsseldorf.

Ausgerechnet zur Coronazeit wurde das Manuskript meines ersten Buches fertig und ich begann im Frühjahr dieses Jahres mit der Verlagssuche. Da sich aber die Verlage im Allgemeinen sehr verhalten bei der Annahme von Manuskripten zeigten (die Messe war ausgefallen, viele kleine Verlage hatten bereits Insolvenz angemeldet, die Lektorate waren alle in Kurzarbeit) stellte sich recht schnell heraus, dass dies nicht die richtige Zeit zum Finden eines Verlages war.

Künsterstipendium

Parallel zu dieser Suche wurde aber auch vielerorts diskutiert, wie Literatur niedrigschwelliger und vor allem ohne den Besuch von Literaturveranstaltungen vermittelt werden konnte.

Und so entstand eine neue Idee, für die ich mittlerweile das Künstlerstipendium NRW bekommen habe und die ich nun mit öffentlichen Geldern im Laufe dieses und des folgenden Jahres umsetzen darf:

Das Projekt heißt „Ein Stuhl ist kein Stuhl“ und es geht es darum, den neuen „Puls der Zeit“ auf die Sehgewohnheiten von Alltagsgegenständen zu übertragen und Dingen einen neuen Sinn jenseits ihres gewohnten Umgangs zu verleihen.

Die Voraussetzungen dafür sind günstig, denn die Coronazeit hat ein breites Umdenken in vielerlei Hinsicht gefordert, weil Routinen durchbrochen und ganze Alltagsstrukturen umgekrempelt wurden.

Genau an diesem Punkt setzt das Projekt an, in dem es sich diese „hybride Stimmung“ zunutze macht und eine Neubeschreibung der Dinge forciert.

Denn wir Menschen sind in der Lage unsere Gegenstände und unsere Umwelt neu zu denken, wir müssen nur damit beginnen: Ein Stuhl ist kein Stuhl mehr. Ein Auto ist kein Auto mehr. Wir können die Dinge neu denken und ihnen damit auch einen neuen oder auch erweiterten Sinn verleihen. Ich möchte damit beginnen, indem ich die Dinge neu beschreibe. So möchte ich z.B. einen Stuhl mit Gedanken über den Stuhl beschreiben, die jenseits des herkömmlichen Verständnisses von einem Stuhl sind.

Kann nicht ein Stuhl mehr als eine Sitzfläche sein?

Was kann ein Quadrat mit vier Beinen und einer Lehne noch darstellen?

"Neue Gedanken einen Tisch betreffend"

Diese Neubeschreibungen der Dinge sollen zunächst in fragmentarischer Notizenform erfolgen und im zweiten Schritt zu Prosa-Miniaturen ausgearbeitet werden, die sich kritisch mit den Gegenständen auseinandersetzen. Ich freue mich schon jetzt möglichst viele Stimmen in die Neudefinition der Gegenstände einzuarbeiten; so plane ich Workshops an Schulen oder in Kindergärten durchzuführen oder mich auch von Menschen inspirieren zu lassen, die eine andere Sprache sprechen und sowieso ganz andere Be- oder auch Zuschreibungen für die Dinge haben.

Die Texte werden dann wortwörtlich auf die sich in der Innenstadt von Düsseldorf befindenden Gegenstände niedergeschrieben, so dass es passieren kann, dass man in der Brauerei an einem Tisch sitzt, der mit „neuen Gedanken einen Tisch betreffend“ beschrieben ist.

Im Vorfeld der Beschriftung soll natürlich mit den Besitzer*innen der freien Fläche abgeklärt werden, ob eine solche künstlerische Intervention das Objekt betreffend gewünscht ist. Bei dem Einholen dieser Einverständnisse wird sicherlich helfen, dass das Projekt vom Land bewilligt wurde und in der Signatur ganz offiziell den Untertitel „Künstlerstipendium NRW“ tragen darf.

Ich bin fest davon überzeugt, dass der Literatur in diesen Zeiten eine gewichtige Rolle zukommt, denn sie prägt mit das Narrativ, das wir dieser Zeit geben werden. Und je mehr wir diese Zeit als Chance sehen, die Welt neu zu denken, desto mehr Raum öffnet sich, der Krise kreativ zu begegnen.

Wer hat hier geschrieben?

Vera Vorneweg, geb. 1985, wohnhaft in Düsseldorf hat Philosophie, Germanistik und Soziale Arbeit studiert.

Sie publiziert in Zeitschriften und Anthologien und ist Redakteurin der Literaturzeitschrift “Text + Bild”.

2019 war sie Preisträgerin des Harald-Gerlach-Preises der Kulturstiftung Thüringen, sowie 2018 Stipendiatin des Programms “Künstler*innen im ländlichen Raum”.

Ihre Arbeit an dem oben beschriebenen Projekt wird durch das Land NRW im Rahmen des Künstlerstipendiums NRW finanziert.

Loko MKW NRW

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Vera Vorneweg
Foto: Sarah Simon

Diese Geschichte von Vera Vorneweg ist Teil des Schreibwettbewerbs “Mut in der Krise” und beruht auf einem persönlichen Erlebnis.

Genauere Informationen zum Wettbewerb findest du hier: Mut in der Krise.