Mädchen mit Blumen

Mutmach-Geschichte

Die Blume der Hoffnung

Nadine Buch

Die Zutaten:

Verlust, Verzweiflung und Liebe

Menschenmenge

Vorwort der Herausgeber zur Geschichte

 

Der Verlust eines lieben Menschen trifft uns hart, wirft uns womöglich aus der Bahn. Doch da sind immer Spuren der Liebe…

Wir danken Nadine Buch für diese Geschichte, die auf ihrer persönlichen Erfahrung beruht,  aber aus einem anderen Blickwinkel geschrieben ist.

Und wieder ist es die Stille

Conrad schaute auf den Wecker und wusste, dass er in weniger als zehn Minuten aufstehen musste. Seit geraumer Zeit konnte er kaum mehr schlafen, jetzt lauschte er dem einzigen Geräusch, das die Stille durchbrach: dem leisen Atmen seiner Frau.

Eigentlich liebte Conrad den sommerlichen Morgen.

Doch seit jenem Tag. . .

Er würde am liebsten seine Augen schließen und sich wieder in den Schlaf flüchten. Doch er stand auf und wankte in die Küche, um die Kaffeemaschine anzumachen.

Als Helen aus dem Schlafzimmer geschlurft kam, sah er, dass sie weinte. Wie jeden Morgen seit dem Geschehen.

Und auch heute ergriff Conrad ihre Hände.

»Schatz, du wirst immer dünner«, hauchte er und zwang seine Tränen hinter die Lider. Er musste stark bleiben.

Gemeinsam saßen sie am Küchentisch und tranken ihren Kaffee.

Anschließend verabschiedete er sich von ihr und zog leise die Tür hinter sich zu – im Wissen, dass nun seine Frau mit der Stille allein war.

Allein.

Alltag

Auch Conrad war allein. Obwohl er die vielen Mütter sah, die ihre Kinder in die Schule brachten. Kinder, die das erste Mal selbstständig ihre Aufgaben bestritten. Und Väter, die gehetzt zu ihrer Arbeit liefen. Sie alle wurden von etwas begleitet, das Conrad mit seiner Tochter verloren hatte: ihrer Hoffnung.

Nun ließ er die Tränen zu, denn helles Kinderlachen erklang in seinen Ohren. Unwissend, ob es nur eine Erinnerung war.

Conrad konzentrierte sich auf seine Schritte auf dem Asphalt. Der Weg zu seinem Arbeitsplatz war nicht weit, doch seit Hannah nicht mehr lebte, war er für ihn kaum zu bewältigen.

Mama und Kind

Er verfluchte den Tag, an dem er einen Moment nicht auf sein Kind aufgepasst hatte. Diese Sekunden, in denen seine Aufmerksamkeit nicht auf die Straße gerichtet war. Jenen Augenblick, in dem er nicht hatte sehen können, dass das Auto mit überhöhter Geschwindigkeit fuhr, – und dass seine Tochter schneller lief, als er gedacht hatte.

»Verdammt!«, knurrte er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor, denn er rempelte eine Frau an. Glücklicherweise ignorierte sie jedoch seine Ungeschicklichkeit, ob aus Höflichkeit oder Eile.

Conrad überkam das Gefühl, dass ihn die Schatten seiner Mitmenschen zynisch umtanzten. Sie wirkten, als seien sie in regem Austausch mit ihren Besitzern, als würden sie sich über ihn unterhalten und alle von seinem Unglück erzählen. Die Menschen schwiegen, doch die Münder ihrer Schemen plauderten munter weiter.

Conrad steckte seine Hände in die Hosentaschen und senkte seinen Kopf, als er sich mit angewinkelten Ellenbogen und hochgezogenen Schultern durch die Menge kämpfte.

Endlich. Er war angekommen und stieß die Tür auf. Weg von dem gleißenden Licht des aufkommenden Tages, weg von dem Drängen der Passanten, hin zu der Verpflichtung der Arbeit.

»Guten Morgen, Conrad«, sagte eine Kollegin. Eine weitere gesellte sich hinzu und begrüßte ihn. Er setzte sich auf seinen Platz in dem Großraumbüro und stellte seine Tasche ab. Mit geschlossenen Augen, den Kopf auf den Händen abgestützt, versuchte er seine inneren Wirren zu sortieren.

Sein Entschluss stand fest: Er musste nicht mehr stark sein.

Nebenan durchschnitt ein Telefonanruf Conrads Gedanken. Er schlug die Augen auf und betrachtete den Startbildschirm.

»Na, dann mal an die Arbeit«, flüsterte er dem Browser zu.

Es war ein leiser Versuch von seinem angedachten Weg abzukommen.

Conrad schaute auf die Uhr, rechts unten am Bildschirmrand. Seine Kiefermuskeln verkrampften, als ihm bewusst wurde, dass er nicht mehr viel Zeit hatte. Nervös blickte er in die großen Augen, die ihn von dem eingerahmten Foto aus anstarrten. Nein, sie lächelten. Genauso wie der kleine Mund, in dem von blonden Locken umsäumten Gesicht. Hannah.

Tränen schossen in Conrads Augen und nahmen ihm die Sicht. Für kurze Zeit hatte er das Gefühl, er könne nicht mehr atmen. Geräuschvoll sog er Luft in seine Lungen, die kurz davor waren, sich dem Leben zu verschließen.

Zur Mittagszeit stand Conrad langsam von seinem Stuhl auf und schob ihn mit einem Bein nach hinten. Sein Innerstes weigerte sich, sein Obdach zu verlassen. Den sicheren Schutz abzulegen, nur um hinauszutreten, wie ein Nackter in den Schnee. Aber ein anderer Teil redete ihm ein: Es gab keine andere Wahl.

Conrad ging den Flur entlang zur Tür. Deren Klinke war kalt wie sein Leben.

Er öffnete sie und spürte den heißen Sog, der ihn nach draußen zog. Sofort verschmolz er mit dem Strom hungriger Menschen, die sich beeilten, an ihr Ziel zu gelangen.

Ein Ziel, das Conrad nicht mehr hatte.

Er wollte nicht mehr stark sein.

Überall sah er Menschen, die in Begleitung waren, was ihm das Gefühl verlieh, verloren zu sein. So verloren, wie das Leben seiner Tochter. Und er war schuld!

Conrads Schritte schmerzten, doch er ging weiter. Schlängelte sich geschickt durch die wogende Menge, übersah die besorgten Blicke der Passanten, die seine Qual bemerkten. Er ignorierte sie, genauso, wie das Schicksal ihn ignoriert hatte. Er sah nur den Abgrund jener Brücke vor sich, und wie dieser geduldig auf ihn wartete.

Bitte verzeih mir, Helen.

 

Brücke

Liebe

Conrad schob sich an einem dicken Mann vorbei, und fast blieb ihm das Herz in der Brust stehen.

Blonde Locken umwehten die zarten Gesichtszüge. Ein kleines Lächeln zog sich über das makellose Gesicht und große Augen schauten Conrad an. So, als freue sich das Mädchen, zu dem sie gehörten, allein an seinem Anblick.

»Hannah«, flüsterte Conrad, der nicht im Stande war, sich zu bewegen. Sein Herz – wieder zum Leben erwacht – hämmerte gegen seine Brust und sein Mund wurde trocken. Tränen füllten seine Augen als er auf das Mädchen zuwankte. Als er blinzelte erkannte er: Es ist nicht Hannah.

Doch das Mädchen strahlte ihn weiterhin an und streckte ihm eine kleine lila Blume entgegen.

»Sie wäre nie gewachsen, wenn die Sonne nicht geschienen hätte. Sei nicht mehr traurig«, sagte es.

Conrad nahm mit zitternden Fingern die Blume entgegen und beobachtete die winzigen Blütenblätter, wie sie sich in der Sommerbrise bewegten, während er den vertrauten Satz nachhallen hörte:

„Sie wäre nie gewachsen, wenn die Sonne nicht geschienen hätte.“

Es waren die Worte, mit denen er Hannah die Liebe erklärt hatte.

»Danke!«, sagte er mit bebender Stimme und schaute auf. Graue Hosen und wehende T-Shirts umgaben ihn, und mitten unter ihnen der blonde Lockenschopf, der zwischen den Menschen verschwand. Während Conrad erneut auf seine Hand starrte, spürte er, wie die Sonne seinen ausgemergelten Körper erwärmte.

Liebe, dachte er, schloss seine Augen und ließ seinen Tränen freien Lauf. Er spürte das tröstende Rinnsal über seine Wangen laufen, bis der seichte Wind sie trockenküsste.

Conrad atmete auf, öffnete seine Lider und strich sanft mit der kleinen Blüte über seine Haut. Er fasste neuen Mut: Am heutigen Abend würde er Helen zu einem Essen einladen. In das Restaurant, in dem sie zum allerersten Mal mit Hannah gewesen waren.

Und ich werde ihr von der Liebe erzählen und von Hannah, die tatsächlich hier war. 

Dort wo sie immer war und immer bleiben wird – ganz nah, in meinem Herzen.

„Die Liebe zeigt der Angst, dass es sich lohnt zu sein.“
Nadine Buch
Nadine Buch
Autorin
Nadine Buch

Wer hat hier geschrieben?

Nadine Buch, 1976 im rheinland-pfälzischen Idar-Oberstein geboren, entdeckte auf dem Weg zum Fachabitur ihre Liebe zum Schreiben. Bisher hat sie Kurzgeschichten bei verschiedenen Verlagen veröffentlicht sowie als Co-Autorin an einem literarischen Adventskalender für Kinder mitgewirkt. 

Des Weiteren arbeitet sie als eine von mehreren Autoren an einer Buchreihe für Kinder ab zehn Jahren. Nadine Buch, die seit einigen Jahren Mitglied bei der Autorengruppe Nahe ist, wurde zu einem der Preisträger des Lotto-Kunstpreises 2017 gekürt. 

Sie ist in einer Tierarztpraxis angestellt und entwirft regelmäßig neue Ideen in den Genres Thriller und Grusel. Bei ihrem letzten Projekt, einer Anthologie düsterer Geschichten, hat sie als Mitherausgeberin fungiert.

Diese Geschichte von Nadine Buch ist Teil des Schreibwettbewerbs “Mut in der Krise” und beruht auf einem persönlichen Erlebnis.

Genauere Informationen zum Wettbewerb findest du hier: Mut in der Krise.