Schülerin

Mutmach-Geschichte

Von Corona gekrönt

von Olivér Meiser

Die Zutaten:

Brasilien, eine Oberstufenschülerin und die Pandemie 

Vorwort der Herausgeber zur Geschichte

Die Geschichte von Olivér Meiser zeigt sehr eindrücklich, dass selbst in einer Krise wie der Corona Pandemie gute Dinge geschehen können. Vermeintlich schwierige Sachlagen sind plötzlich zu lösen, wenn zugewandte Menschen offen dafür sind.

Ein herzliches Dankeschön an Olivér Meiser für diese Mut machende Geschichte.

Célia aus Brasilien

Ich heiße Célia Lobo, bin siebzehn und komme aus Fortaleza, einer Stadt in Nordost-Brasilien. Wir Brasilianer sind ja an Krisen gewöhnt: politische Krisen, Wirtschaftskrisen, Umweltkrisen oder gar gleich alles miteinander. Dazu extreme Armut, Gewalt und Kriminalität. Lange haben meine Eltern und ich alles ertragen, weil es uns im Vergleich zum großen Teil der Bevölkerung relativ gut ging. Mein Vater ist Leiter eines Supermarkts, meine Mutter Lehrerin.

Dann kam jener Tag im Jahr 2018, als ich mit meinem Vater an den Strand ging, so wie wir Brasilianer es gerne tun. Zunächst schien alles wie immer. Doch der Typ, der da plötzlich zwischen die Strandgäste kam, hat mir von Anfang an nicht gefallen. Er schaute einfach gar nicht so aus, als ob er sich jetzt wie alle anderen ausziehen und schwimmen gehen oder sonnenbaden wollte. Und während ich mir noch so meine Gedanken machte, zog er auf einmal eine Waffe und schoss wild um sich.

Strand Brasilien

Alle rannten in Panik davon, während ich wie zur Salzsäule erstarrt stehenblieb und sah, wie fünf Menschen blutend in den Sand fielen. 

Dann stand der Irre vor mir, hielt auf mein Gesicht und drückte ab. 

Es klickte. 

Das Magazin war leer! 

Kurz darauf fiel ein weiterer Schuss und der Amokläufer sackte, von einer Kugel der Militärpolizei getroffen, vor mir zu Boden. Von den fünf Menschen, auf die der Verrückte geschossen hatte, waren zwei schwer verletzt; die anderen drei, darunter auch ein Kind, tot. Tagelang verharrte ich in Weinkrämpfen.

Die Lösung...

Als es mir wieder etwas besser ging, rief mein Vater seine Schwester Joana in Reutlingen an. Tante Joana hatte vor fast zwanzig Jahren Onkel Alfred kennengelernt, der damals als Rucksacktourist durch Brasilien getrampt war. Die beiden hatten geheiratet und waren gemeinsam nach Deutschland gezogen. Mein Vater erzählte, was geschehen war und dass es so nicht mehr weitergehen könne. Was für eine Zukunft biete dieses Land denn noch für ein junges Mädchen wie mich! Schließlich schaffte es mein Vater, Tante Joana und Onkel Alfred, die selber keine Kinder haben, zu überreden, mich bei sich aufzunehmen. Ich sollte die Oberstufe auf einem Gymnasium in Reutlingen besuchen. Anfang Herbst 2019 würde ich dann dort zur Schule gehen.

Viele Dinge waren indes im Vorfeld abzuklären, vor allem die Frage der Einwanderung. Ich sollte ein Schülervisum bekommen. Damit dies möglich war, wollte Onkel Alfred bürgen, dass er mich bis zum Abitur finanziell unterstützen könnte. Zu Beginn 2019 konnte ich bereits in Fortaleza einen Deutsch-Abendkurs belegen, den eine Frau namens Friederike hielt. Friederike war eine deutschstämmige Brasilianerin, die aus Blumenau im Bundesstaat Santa Catarina stammte, wo man im 19. Jahrhundert viele Deutsche angesiedelt hatte. Nachdem ich zunächst sehr traurig darüber war, dass ich Familie und Freunde verlassen sollte, machte mir Friederike Mut. Sie erzählte uns im Kurs, wie schön Deutschland sei und legte mir nahe, das Angebot, dort die gymnasiale Oberstufe zu besuchen und Abitur zu machen, keinesfalls auszuschlagen. Schließlich stünde mir der Weg zurück nach Brasilien ja jederzeit offen; mit dem Schulbesuch in Deutschland kämen hingegen viele andere, interessante Wege hinzu.

Reutlingen

So verließ ich Ende Juni Brasilien und kam in eine Stadt, die nach meinem Empfinden zu kühle Temperaturen hatte und in der es nur regnete. Aber bald schon wurde mir klar, weshalb man mich zu Tante Joana geschickt hatte, denn in Reutlingen hatte alles seine Ordnung! Der Stadtbus hielt ordentlich an und wartete, bis die Leute ausgestiegen waren. Ganz anders als in Brasilien, wo man die Fahrgäste vom Trittbrett springen ließ. Worüber ich am meisten staunte: Wenn Fahrpläne, die es bei uns in Brasilien gar nicht gab, anzeigten, dass um acht Uhr drei ein Bus fahren würde, dann kam dieser tatsächlich auf die Minute genau. Was besonders meine Eltern beruhigte: Ich konnte in Reutlingen am Abend alleine durch den Volkspark spazieren, ohne dass mir Gefahr drohte – in Brasilien undenkbar!

Am 15. September begann das Schuljahr an meinem Gymnasium, das in einem alten Fachwerkbau, einem ehemaligen Kloster, untergebracht war. Nachdem ich viele Nächte nicht geschlafen hatte aus Angst vor dem ersten Schultag, freundete ich mich erstaunlich schnell mit meinen Klassenkameraden an. Ich lebte mich so gut ein, dass Tante Joana mich manchmal ermahnen musste, öfter einmal nach Hause zu skypen.

Der Schock...

Dann, kurz vor Weihnachten der Schock: ein Einschreibebrief der Behörden! Da ich es versäumt hatte ein wichtiges Dokument einzureichen, wurde ich aufgefordert, Deutschland bis zum 15. März zu verlassen; andernfalls könne mir sogar Abschiebung drohen. Tatsächlich! Ich hatte eine E-Mail der Behörde nicht gelesen; wahrscheinlich war sie im Stress der Schule untergegangen. Telefonate an die für mich zuständigen Auslandsvertretungen hatten keinen Erfolg. Das fehlende und dringend benötigte Dokument, so hieß es, könne nur persönlich an der deutschen Botschaft in Brasilia beantragt werden, und dabei sei es noch nicht einmal sicher, dass ich eine weitere Aufenthaltsgenehmigung bekäme, da mir eine illegale Einwanderung unterstellt wurde. Alles Bitten, sowie die Versicherung, ich würde doch niemandem zur Last fallen, halfen nichts. Ich war vollkommen verzweifelt.

Schließlich kündigte, was mich tröstete, meine Mutter ihren Besuch an, und wenn sich nicht noch eine andere Möglichkeit ergäbe, sollte ich mit ihr Anfang März zurück nach Brasilien fliegen, wo sie mich dann nach Brasilia begleiten würde. Mein Klassenlehrer Herr Wurster tröstete mich und versprach mir, mich für die Tage, die ich noch einmal nach Brasilien müsse, vom Unterricht freizustellen.

Wieder schlief ich nächtelang nicht. Würde ich Deutschland, an das ich mich in einem knappen halben Jahr so sehr gewöhnt hatte, jetzt doch wieder den Rücken kehren müssen? Obwohl ich bisher nie sehr religiös gewesen war, betete ich nun jeden Abend und ging sogar sonntags mit Tante Joana in die katholische Kirche. Indes, es half alles nichts!

Flugzeug

Das fehlende Schriftstück ließ sich so nicht besorgen und ich verließ Anfang März Deutschland wieder in Richtung Brasilien.

Corona schien da noch nicht so nah: China, Iran, Norditalien. Nichts, was mich wirklich betreffen würde, so dachte ich jedenfalls. Doch bald kamen Grenzschließungen, Einstellung von Flügen und vieles mehr.

Behörden und Auslandsvertretungen, mit denen ich korrespondieren wollte, arbeiteten nicht mehr oder nur eingeschränkt. Ich konnte weder nach Brasilia, noch zurück nach Deutschland fahren. Alles in meinem Leben schien zusammenzufallen. Tagelang verharrte ich in Depressionen und musste mich ständig übergeben. Niemand, weder meine Eltern noch Freunde, konnten mich trösten.

Als wir gerade beschlossen hatten, dass ich eine andere Schule in Fortaleza besuchen sollte, kam ein Anruf von meiner Tante: Herr Wurster sei persönlich bei ihr gewesen. Wegen Corona stelle das Gymnasium auf Home-Schooling um und wenn ich wollte, dann könnte ich auch von Brasilien aus online weiterhin am Unterricht in Reutlingen teilnehmen. So würde ich nichts versäumen und dürfte, wenn ich alle Dokumente für die Einwanderung zusammen hätte, im Herbst dieses Jahres normal mit den anderen weitermachen. Natürlich nahm ich das Angebot sofort an!

Und so beendete ich von Brasilien aus, mein Schuljahr in Reutlingen und bekam im Juli dieses Sommers mein erstes deutsches Zeugnis mit dem Vermerk: Célia Lobo wird versetzt nach Klasse 12.

Inzwischen habe ich auch endlich das noch fehlende Dokument für meinen Aufenthalt in Deutschland.

Jetzt warte ich darauf, dass Brasilianer bald wieder in die Europäische Union einreisen dürfen und es wieder Flüge nach Deutschland gibt. Falls das noch länger dauert, hat mir Herr Wurster versprochen, dass er mir gemeinsam mit den anderen Lehrerkollegen auch im neuen Schuljahr weiterhin alle Aufgaben online schickt, bis ich wieder in Reutlingen sein kann. Ich liebe Deutschland!

Ich weiß, wie schlimm Corona für viele Menschen überall war und ist, vor allem auch in Brasilien. So viele waren krank, sind gestorben oder haben wegen dieser doofen Stachelkugel Existenz und Arbeitsplatz verloren.

Mir jedoch haben die Umstände der Pandemie paradoxerweise geholfen, eine für mich bessere Zukunft planen zu können.

Wenn ich dann in Deutschland Abitur machen kann und meine Note passt, möchte ich – so habe ich mir überlegt – dort auch noch studieren. Vielleicht komme ich dann später wieder zurück in meine alte Heimat, um einiges zu verändern.

"Ich glaube, im Vergleich zu Corona sind alle anderen Krisen ein Kinderspiel."
Célia Lobo
Oliver Meiser

Wer hat hier geschrieben?

Diese Geschichte ist von 

Olivér Meiser

 

Diese Geschichte von Olivér Meiser ist Teil des Schreibwettbewerbs “Mut in der Krise” und beruht auf den persönlichen Erlebnissen eines jungen Mädchens aus Olivérs Bekanntenkreis. Alle Namen in der Geschichte wurden zur Wahrung der Persönlichkeitsrechte geändert.

Genauere Informationen zum Wettbewerb findest du hier: Mut in der Krise.